Machen wir eine kleine Zeitreise. Das britische Imperium streckte seine Tentakeln über die Kontinente. Neue Geschmäcker und Gewürze kommen von einer Seite des Globus auf die Andere. Zoomen wir rein. Irgendwo auf der monatelangen Passage von der indischen Küste zu den Häfen Englands; die Segel gebläht von trügerischen Winden und ein Sturm liegt in der Luft. Schon bald werden meterhohe Wellen an die Bretter schlagen und es wird keinen Centimeter mehr geben, der nicht vom Salzwasser durchtränkt ist. Am nächsten Morgen wird kaum etwas davon zurückbleiben. Ein weißer Salzschleier auf der Haut der Matrosen vielleicht.

Ein paar Monate später läuft das Schiff in England ein. An Bord waren unförmige kleine Bohnen. Eine Entdeckung aus dem sogenannten Orient. Röstet man die Bohnen und gießt ihr gemahlenes Mehl mit kochendem Wasser auf wird daraus ein aufputschendes Getränk, das Stück für Stück den ganzen Globus erobern sollte. Kaffee war in England angekommen. Der Geschmack aber war geprägt von der Reise.

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@elxeneize via Envato

Kommen wir also zurück in die Gegenwart. Globale Transportwege verbinden selbst Container voll mit Rohstoffen in wenigen Wochen mit ihren Zielen am anderen Ende der Welt. Die Wellen schlagen zwar noch immer an die Schiffe, aber die Stahl-Konstrukte, die uns heute Rohkaffee liefern lassen weder Wind noch Wetter zu den Bohnen. Klingt wie ein Traum, gerade für Lebensmittel. Denn auch wenn sie nicht schlecht werden, verändern Wind und Wetter natürlich den Geschmack von kleinen Bohnen wie etwa von Kaffee. Die Importeure in England waren aber die ausgewaschenen, feucht gealterten Bohnen mittlerweile gewohnt und nicht überzeugt von den puren, manchmal sauren und süßen Noten der kleinen Bohnen.

Indische Kaffeebauern haben deswegen eine Alterungstechnik kreirt um genau diese bekannten Geschmäcker zu befriedigen. Sie lassen nämlich säckeweise Rohkaffee im Monsunwind liegen um genau diese Zustände einer langen, nassen Seereise zu emulieren. Damit soll ein Geschmack nachgebaut werden, der den frühen Kaffeeimporten entspricht. Vor allem die Säure wird so aus den Bohnen gezogen.

Als ich letzte Woche eine Packung dieser als Monsun Malabar vermarkteten Bohnen in den Händen gehalten habe meinte der Verkäufer aber schon: “Manche sagen es zieht auch sonst den Geschmack aus der Bohne.” Hätte ich doch auf ihn gehört.

Bei einer solchen Geschichte kann man aber nur schwer wegschauen. Viel zu spannend und faszinierend klingt die Idee, viel zu historisch und mitreißend.

Malabar in der Tasse

In meiner Tasse landet dieses Mal ein indischer Single Origin Monsooned Malabar, geröstet von Suchan Kaffee aus Freistadt im Mühlviertel. Selber beschreiben die Röster den Geschmack als säurefrei, kräftig und mit Noten von Stroh und Erdnüssen. Mit dem beschriebenen kräftigen Körper bin ich einverstanden. Säure fehlt auch; Was aber leider auch fehlt ist eine spannende Reise auf der Zunge. Die Geschichte verspricht eine historische Note, eine spannende Zeitreise. Der Kaffee hinterlässt aber wenig mehr als eine bittere einzelne Note. Es entwickelt sich kein Übergang oder mehr als die eine Note.

Die Röster empfehlen den Kaffee im Filter oder im Siebträger zuzubereiten. Ich persönlich habe ihn aus der Aeropress (inverted), und aus einer 3 Tassen Moka getrunken. Im direkten Vergleich fällt auf, dass die Aeropress noch mehr aus der ohnehin schon mangelnden Komplexität heraus nimmt. Der Kaffee aus der Moka ist okay. Er ist aber auch langweilig und zutiefst eindimensional. Mein Favorit wird der Malabar nicht. Die Geschichte erzeugt einfach zu viel Erwartungen, als dass sie erfüllt werden könnten.

Zum Schluss: Diese Beiträge sind dazu gedacht aktiver zu schmecken und den Kaffee den ich trinke konkreter wahrzunehmen. Ich bin kein Experte, ich lerne jeden Tag mehr dazu. Sollte ich irgendwelche groben Fehler gemacht oder Aspekte vergessen haben bin ich für Kritik und Ideen offen. Entweder als Kommentar hier oder unter kaffeenoob@mariomoser.com

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