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ORF

Jeff Jarvis vs Max Schrems. So hat der ORF sein letztes Dialog Forum beworben. „Was ist ein Dialogforum?“ werdet ihr euch jetzt wahrscheinlich fragen. Die Frage ist berechtigt. Wie die meisten TV-Sendungen am späten Montagabend auf ORF III führt das Dialogforum ein Schattendasein. Gerade beim aktuellsten Dialogforum, das übrigens zur besten Sendezeit um 23:40 am 9. Oktober ausgestrahlt wird, ist das extrem schade. Den dieses Mal gab es endlich aktiven und lebendigen Dialog zwischen konträren Positionen. Leider keine Selbstverständlichkeit.

Das ursprüngliche Thema „Verantwortung in der digitalen Welt“ wurde schnell von der Frage „Wie sollten wir mit den Big 5 – den 5 markt-dominierenden Konzernen aus dem Silicon Valley – umgehen?“ ersetzt. Das vom ORF heraufbeschworene Duell zwischen Jeff Jarvis  und Max Schrems ist damit wirklich in Gang gekommen. Jarvis vertrat die optimistische Grundstimmung, dass das Internet und soziale Medien wie Facebook für eine demokratische und diversifizierte Welt ungemeine Fortschritte bringt. Bisher ungehörte Communities wären erstmals in der Lage sich zu vernetzten und sich Gehör zu verschaffen. Wie sich das auf Medien auswirkt, und vor allem auf ihre Wertschöpfung, lässt er recht vage im Raum stehen.

Weltmeister der Podiumsdiskussionen

Das Problem liegt seiner Ansicht nach bei den Journalisten und Medienmachern selbst. Ganz im Gegensatz zu den Manipulatoren in Russland (beziehungsweise  überall sonst auf der Welt), die es geschafft haben soziale Medien für sich arbeiten zu lassen, sind die bekannten Player  -und vor allem die Massenmedien –  seiner Ansicht nach gefangen im alten System. Solange sie aus diesem nicht ausbrechen sieht er keine Chance für ein Weiterexistieren von Massenmedien.

Zuweilen hohlte er auch gegen die europäische Kultur der Podiumsdiskussion aus. Er sieht Europa als Weltmeister der Diskussionen. Nur, dass sie danach den symbolischen Arsch nicht von der Couch hoch bekommen würden. Was natürlich Max Krems wunderbar nutzen konnte, um mit seinem persönlichen Fall hinein zu grätschen. Er selbst, bekannt als der Mann der Facebook verklagt hat, sieht denselben Unterschied zwischen den USA und Europa. Es fehle den Europäern zu oft der Mut einfach etwas zu unternehmen.

Staatsähnliche Monopole

Abgesehen davon, gab es zwischen Krems und Jarvis jedoch – wie zu erwarten war – nicht besonders viel Konsens. Anstatt die Möglichkeiten Facebooks zu loben, schoss sich Krems, mit reger Unterstützung des rechtlichen Panels, gegen die Monopolstellung ein, die amerikanische Konzerne im digitalen Raum aufrechterhalten.  Schrems sprach sogar von einer Egalisierung des Rechtsstaats auf allen Ebenen. Weder würden die amerikanischen Giganten nationale Steuern zahlen , noch wären sie an lokale Mediengesetze gebunden. Gerade hier verortete Alexander Egit, Organisator der Greenpeace-Tochter NETPEACE, extremen Aufholbedarf. Neben einer Neuordnung der Mediengesetze in Europa, die auch soziale Plattformen einschließen, wurde auch die Idee eines fixen News-Kontingents – einer sogenannten Must-Carry Regelung –  ins Feld geführt. Etwa könnten 10% aller gezeigten Posts in einer Facebook Wall kuratierte und nicht auf das User-Profil zugeschnittene Nachrichten sein.  Ein ähnliches Konzept, wie es in TV und Radio schon seit Äonen gibt.

Auch Daniela Kraus, die Direktorin des fjum, widerspricht Jarvis in seiner Meinung Facebook sei eine große Errungenschaft für die Demokratie. Sie führt dabei vor allem das Argument ins Feld, dass eine marktwirtschaftlich geführte Plattform wie Facebook nicht für Partizipation gebaut ist, sondern um möglichst viele Daten zu sammeln ergo möglichst viel Geld erwirtschaften zu können.

Jarvis´ Ansicht, es gäbe prinzipiell kein too big oder too powerful widerspricht das ganze Panel unisono. Auch die staatsähnlichen Funktionen großer Konzerne, etwa durch Investitionen in erneuerbare Energien und als Staat im Staat sieht Jarvis als Chance, während das europäische Panel sich wenig begeistert zeigt. Zumal sie ins Feld führen, dass Innovation in einem monopolistischen System erfahrungsgemäß erkaltet.  Thomas Wagner sieht das auf den ersten Blick vielleicht positiv auslegbare Weltverbessern der Konzerne und ihrer millionenschwereren Gründer und Executives außerdem als Problem. Den in längerer Folge könne damit eine regierungsfeindliche Situation geschaffen werden, die mit einer vermehrten Privatisierung des Gemeinwohls einhergehe. Damit könne sich Facebook über ihre technischen Kanäle sowie die gesamtgesellschaftlichen Investments in die Situation bringen Machtansprüche zu stellen.

Öffentlich rechtliche Medienfunktion

Dabei zeigte sich auch ein zweiter interessanter Konflikt innerhalb des Panels. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz machte sich keine Freunde als er auf eine Zusammenarbeit mit Marktführern pochte. Für ihn gehe es um Auffindbarkeit sowie um die Verteidigung der Demokratie, meinte Wrabetz. Der Soziologe und Autor Thomas Wagner hätte ihm kaum vehementer widersprechen können.  Er fordere vom öffentlich rechtlichen Rundfunk, ein Korrektiv zu sein und nicht die Regeln des Marktes blind mitzuspielen. Als großteils von Gebühren getragene Institution solle der ORF die offenen Probleme massiv ansprechen anstatt zu versuchen, die gekaufte Demokratie innerhalb der Netzwerke zu unterstützen. Die Antwort des Generaldirektors war wenig zufriedenstellend. Er wand sich auf ein Missverständnis heraus und betonte erneut, wie wichtig es sei die Plattformen von innen mit hochqualitativen Inhalten zu transformieren.  Generell wirkte Wrabetz defensiv und reagierte kaum von sich aus ohne angesprochen zu werden.

Weder schaffte er es innovative Konzepte für die Zukunft des öffentlich rechtlichen Rundfunks vorzustellen, noch sich klar gegen oder für die Regulation von Facebook auszusprechen. Einzig zum Diskurs um ein even playing field der verschiedenen Medienkanäle konnte er einen relevanten Beitrag leisten und brachte die 7-Tage Regel für europäische TV-Sender ins Feld, die eingeführt wurde um Online-Streaming-Anbietern nicht mit Gratis-Angeboten die Kundschaft abzuluchsen. Außerdem forderte er einen Abbau der Bürokratie, die es öffentlich rechtlichen Medien schwer machen würde z.B. Kooperationen mit Privaten einzugehen, während die Big 5 weitestgehend unreguliert agieren.

„I´m the only one here defending capitalism“ – Jarvis

Jeff Jarvis fühlte sich als einziger Kapitalist in der Runde, was zu gewissem Punkten auch stimmen mag. Statt eines even playing field fordert er zum Beispiel ein competitive playing field im Journalismus um die neuen Business-Ideen zu provozieren, an denen er selbst zum Teil arbeiten würde.  Außerdem scheint er in seinen Ausführungen und Gedanken schon über die klickoptimierte Erwerbsstruktur des modernen Journalismus hinweg zu sein. Denn durch die technisierte Messbarkeit von Erfolg im Online-Geschäft werden Firmen – wie es eben die meisten Redaktionen sind – schnell dazu verführt nur auf Reichweite zu spielen. Das führt dann – neben Cats und Kardashians – zu Personen wie Donald Trump, den Jarvis personifiziertes Click-Bait nennt.

Als Gegenpol tritt hier Daniela Kraus auf, die einen selbstbewussten und transparenten Journalismus durchs und durch fordert. So wäre Clickbait nach einer gewissen Zeit überwunden. Auch Optimismus ist ihrer Meinung nach angebracht.

Schrems hingegen sieht das Problem nicht im Business-Modell sondern bei den ungleich stark regulierten Playern innerhalb des Systems.

Datenschutz

Ein sehr relevantes Thema in der Diskussion war außerdem der Komplex Datenschutz. Denn auch wenn die Nutzer eine Verwendung der Daten akzeptieren stell sich immer noch die Frage, ob es wirklich eine Wahl darstellt. Es wurde Facebook heute mit der Post von vor 100 Jahren verglichen. Für eine Verbindung mit der Welt bleibt Facebook, in einigen Fällen, ein unüberwindbarer Monopolist.  Zudem wurde von Max Schrems der Faktor Sucht ins Feld geführt. Trotz des mittlerweile doch recht hohen Bewusstseins für Datenschutz seien viele Leute bereit über die Bedenken hinweg zu sehen. Laut Schrems sei das vor allem auf die simple Bedürfnisbefriedigung seitens Facebooks zurückzuführen.

Dazu erwähnt Krems seinen eigenen Fall, indem er von Facebook zuerst alle Daten angefordert hat, die über seine Person existieren. Viel wichtiger als nur die Rohdaten auf Anfrage herzugeben, wäre es die Verarbeitung offen zulegen. Denn nur so wäre es für Nutzer und Behörden möglich nachzuvollziehen, wer welche Beiträge und Werbebotschaften zu sehen bekommt.   Gerade in Bezug auf die Einmischungen in der US-Wahl ein sehr relevanter Punkt.

Innovationsmotor Europa?

Neben der Erörterung der aktuellen Situation und den Auswegen aus der medialen Kriese, in der wir uns befinden – immerhin darin waren sich die Panelisten einig – ging es zum Ende der Diskussion hin auch um die Rolle Europas als Innovationsträger für eine neue Phase des Internets. China als Innovationsmotor war interessanterweise kein Thema.

Darin, dass ein europäisches Google oder Facebook die amtierenden Platzhirschen nicht vom Thron stoßen wird, waren sich alle einig. Viel mehr müsse sich Europa in den jetzt entstehenden Nischen und neuen Feldern einbringen.

Die Diskussion endete optimistisch. Es werden neue Visionäre gebraucht, die das Internet mitbestimmen. Nicht nur einzelne Personen sind gefragt, sondern auch Kollektive und Firmen, die gemeinsam entscheiden, dass es Zeit ist etwas zu verändern. Ähnlich wie mit der Einführung des Privatfernsehens.

Mein Abschuss ist also in der Hoffnung, dass mein Altersschnitt auf dem Blog jünger ist als bei ORF III am Montag: EUROPE! Reclaim the Internet!!

Panelisten:

Jeff Jarvis: schreibt auf seiner Website BuzzMachine sowie für internationale Medien. Außerdem lehr er an der City University of New-York. Sein bekanntestes Buch ist What Would Google Do?(2009)
Max Schrems: ist Datenschutz-Aktivist und studierter Jurist. Er wurde bekannt, als er unter reger Beachtung der Öffentlichkeit juristisch gegen Facebook vorgegangen ist.
Alexander Egit: ist Organisator der Bewegung NETPEACE, einer digitalen Bewegung, die aus Greenpeace hervorgegangen ist.
Daniela Kraus: ist Direktorin des österreichischen Forums für Journalismus und Medien.
Thomas Wagner: ist Soziologe und Historiker. Außerdem schreibt er für eine Vielzahl deutscher Medien und ist Autor.
Alexander Wrabetz: ist Generaldirektor des ORF.